Begriffsdefinitionen II: Medienkompetenz
Ähnlich wie beim E-Learning gibt es auch für den Medienkompetenzbegriff sehr unterschiedliche Definitionen. Den Anfang machte Dieter Baacke (1980), indem er das Konzept der kommunikativen Kompetenz von Habermas adaptierte.
Baacke unterteilt den Begriff „Medienkompetenz“ in vier Bereiche:
- Medienkritik
- Medienkunde
- Mediennutzung
- Mediengestaltung
Zu jeder dieser Kategorien gibt es noch weiter differenzierende Unterpunkte. Die Medienkritik unterteilt Baacke (1980) nach ethischen, reflexiven und analytischen Gesichtspunkten. Zwei wichtige Aspekte der Medienkunde sieht er in der instrumentell-qualifikatorischen und der informativen Dimension. Mediennutzung kann interaktiv, anbietend, respektive rezeptiv, anwendend erfolgen. Kreative und innovative Eigenschaften werden in diesem Schema der Mediengestaltung zugewiesen.
Moser (2000: 215) jedoch kritisiert Bereiche Baackes Definition:
„Die konkrete Ausformulierung der verschiedenen Dimensionen der Medienkompetenz bei Baacke lässt m.E. deutlich werden, dass diese zu einer Zeit formuliert wurde, als von Computern als Medium noch nicht die Rede war. Zwar versucht der Autor in neueren Veröffentlichungen hier nachzubessern; doch das gelingt nicht immer überzeugend. So stellt sich die Frage, ob es sinnvoll ist, das Sich- Einarbeiten in die Handhabung einer Computer-Software unter “Medienkunde” zu rubrifizieren, geht es doch weniger um ein Wissen über Medien als um die Handhabung eines Instrumentes, mit welchem bestimmte Dinge erledigt werden sollen (Texte verfassen, Daten auswerten, Grafiken zeichnen etc.)“.
Nach Moser (2000) gibt es vier Ebenen, die in toto den Medienkompetenzbegriff bilden:
- Technische Ebene von Medienkompetenz
- Kulturelle Ebene von Medienkompetenz
- Soziale Ebene von Medienkompetenz
- Reflexive Ebene von Medienkompetenz
Auch in anderen Definitionen finden sich die Aspekte Mosers wieder. So legen etwa Bättig (2005):
„Medienkompetenz bzw. Media Literacy beschreibt die Fähigkeit, kompetent die Neuen Medien nutzen, deren Zusammenwirken begreifen, übergreifende und spezifische Strukturen wahrnehmen sowie Medieninhalte analysieren, bewerten und evaluieren zu können“
und Mandl, Nestor & Schnurer (2005: 12): „Medienkompetenz bezeichnet die Fähigkeit zur aufgabenorientierten Nutzung der elektronischen Medien“ in ihren Definitionen die Schwerpunkte auf die technische und reflexive Ebene im Umgang mit den Medien. Die Sozialtechnische Ebene wird von Wagner (2004: 39) in die Diskussion eingebracht: „Medienkompetenz baut auf der Einsicht auf, dass es sich bei Medien nicht um Geräte und Apparaturen, sondern um soziotechnische Systeme handelt“.
Meiner Meinung nach skizzieren Hartmut von Hentig (2002) und Gábor Paál (2000) zwei essenzielle Faktoren im Umgang mit den Medien:
„Eine der mir liebsten Geschichten von Joseph Weizenbaum verdichtet die so schwer fassbare Medienkompetenz in einer Minigeschichte: Ein Vater führt seinen Zehnjährigen stolz in die Library of Congress. In der grossen Lesehalle unter der Kuppel sagt er überwältigt: Hier, Johnny, gibt es alle Antworten der Welt. Nach einem erwartungsvollen Augenblick der Stille sagt Johnny: Daddy, ask a question! Erst das Wissen, wozu man das Mittel braucht, macht uns zu seinem Herrn“ (von Hentig, 2002: 198) und „Medienkompetenz heißt zu wissen, wann es Zeit ist auszuschalten – und eine Runde spazieren zu gehen“ (Paál, 2000).
Von Hentig (2002) ‚trifft den Nagel auf den Kopf‘, wenn er die Kompetenz des Benutzers anspricht. Dieses Kernproblem der Neuen Medien gilt es zu bewältigen, denn E-Learning (um den Bogen zurück zu dieser Arbeit zu spannen) kann nur dann erfolgreich hergestellt werden, wenn die „Macher“, also diejenigen, die den Content liefern, sich über die Möglichkeiten seiner Umsetzung im Web bewusst sind. Ich spreche hier nicht von der technischen Umsetzung, dafür gibt es Spezialisten aus den Bereichen Informatik und Design, sondern davon, dass man über das „was ist in der heutigen Zeit möglich“ kundig sein sollte. Denn nur so ist eine optimale interdisziplinäre Zusammenarbeit konstruktiv.
„Ausschalten“, „offline-gehen“, „nicht erreichbar sein“, sind Begriffe, die in der Welt der Massenmedien zusehends an Bedeutung gewinnen. Nie war die Flut der Informationen, die täglich über den Menschen hereinbrechen, größer als im digitalen Medienzeitalter. Um der absoluten Reizüberflutung zu entgehen, gilt es, sich seine Informationen sehr selektiv auszuwählen3 und auch sehr genau zu wissen, wann der Zeitpunkt gekommen ist, an dem keine Informationen mehr verarbeitet werden können und es folglich Zeit ist, „auszuschalten“(Paál, 2000).
Zusammenfassend bleibt festzuhalten, dass der Mensch im 21. Jahrhundert stärker als je zuvor dem lebenslangen Lernen verpflichtet ist, um dem technischen Fortschritt gewachsen zu sein, denn das „know how“ ist der Schlüssel zu Informationen, welche selektiv und reflexiv verarbeitet werden sollten.
————————–
Literaturverzeichnis:
- Baacke, Dieter: Kommunikation und Kompetenz. Grundlegung einer Didaktik der Kommunikation und ihrer Medien. München/Weinheim 1980 (3. Auflage).
- Bättig, E. (2005). Information Literacy an Hochschulen. Entwicklungen in den USA, in Deutschland und der Schweiz. http://eprints.rclis.org/archive/00004306/ [09.10.2006].
- Moser, H. (2000). Ansätze des medienpädagogischen Handelns. In: Einführung in die Medienpädagogik. Aufwachsen im Medienzeitalter. Opladen: Leske + Budrich. 3. Auflage.
- Nistor, N., Schnurer, K. & Mandl, H. (2005). Akzeptanz, Lernprozess und Lernerfolg in virtuellen Seminaren – Wirkungsanalyse eines problemorientierten Seminarkonzepts (Forschungsbericht Nr. 174). München: Ludwig-Maximilians-Universität, Department Psychologie, Institut für Pädagogische Psychologie. Forschungsbericht Nr. 174, März 2005. URL:http://epub.ub.uni-muenchen.de/archive/00000562/01/FB_174.pdf [09.10.2006].
- Paál, G. (2000). in der Radioserie gutenbytes. Suedwestrundfunk Wissen/RadioAkademie Text: Bits und Grips. Alphabetisierung und Informationseliten. Serie: gutenbytes (4) Sendung: Samstag, 27. Mai 2000, 8.30 Uhr, SWR 2 URL:http://www.swr.de/swr2/gutenbytes/manuskripte/ra000527.rtf [09.10.2006].
- Von Hentig, H. (2002). Medienkompetenz. Der technischen Zivilisation gewachsen bleiben: Nachdenken über die Neuen Medien und das gar nicht mehr allmähliche Verschwinden der Wirklichkeit. Weinheim {[u.a.]: Beltz. Schriftenreihe: Beltz-Taschenbuch; 115.
- Wagner, W.R. (2004). Medienkompetenz revisited: Medien als Werkzeuge der Weltaneignung: ein pädagogisches Programm. München : kopaed.
Dies ist ein Textauszug aus:
“E-Learning Projekte im Kunsthistorischen Kontext”(2006) by Daniela Bamberger M.A. is licensed under a Creative Commons Attribution-Noncommercial-No Derivative Works 2.0 Germany License







Trackbacks / Pingbacks